Ganzheitlich - 03.10.18
Die Mobilitätswende kommt in Fahrt. Und mit ihr müssen auch Gebäude- und Stadtplanung sich den damit einhergehenden Herausforderungen stellen.
Auto und Storm-Erzeugung müssen Hand in Hand gehen. Foto: Wien Energie

Die Elektromobilität verlässt zunehmend ihr Nischendasein. Das langfristige Ziel ist, integrierte E-Mobilitätskonzepte so zuverlässig, günstig, bequem und einfach zu gestalten, dass sie als logische Alternative zum fossilen Individualverkehr wahrgenommen werden.

Um das zu ermöglichen, werden Mobilitätsangebote vor allem im unmittelbaren Wohnumfeld verfügbar sein und daher zunehmend als Bestandteil von Wohnbauprojekten umgesetzt – so z. B. auch das Mobilitätskonzept des Wiener Smarter-Together-Projekts.

Teilen statt kaufen
„Eine Förderstruktur, die sich nur auf die E-Autos selbst konzentriert, ist noch zu wenig“, sagt Stephan Hartmann von Smarter Together. „Der E-Auto-Stau auf der Tangente ist noch nicht der smarte Verkehr. Das Einbinden in einen Kontext der Zusammenarbeit mit mehreren Partnern und der Strategie der Stadt Wien ist ganz wichtig“.

Eine zentrale Rolle in der Umsetzung dieser Strategie nimmt der geplante öffentliche Verkehrsknotenpunkt („Mobility Point“) ein. Dieser bietet gezielte Sharing-Angebote mit E-Bikes und Elektroautos und ermöglicht es den Bewohner_innen, in den Genuss von E-Mobilität zu kommen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Sharing-Modelle bieten eine flächeneffiziente Alternative zu Garagen und minimieren den funktional am wenigsten notwendigen, ruhenden Verkehr.

Der MO.Point in der Wiener Perfektastraße hat dieses Konzept bereits letztes Jahr erfolgreich verwirklicht und schafft seitdem einen Mehrwert für Immobilien und Anrainer. Neuere Projekte berücksichtigen auch den Gebrauch von E-Bikes in der Bauplanung. „Überraschend gut kommt das E-Lastenfahrrad an”, so Julia Girardi-Hoog, Projektleiterin von Smarter Together.

Mehr als nur Beton und Stahl
Derzeit werden Elektrofahrzeuge grundsätzlich dort geladen, wo sie längere Zeit parken, also am Wohnort oder Arbeitsplatz. Das E-Auto im Wohnprojekt ist ohne entsprechende technische Infrastruktur undenkbar. Die EU schreibt die Errichtung einer „angemessenen Anzahl“ von öffentlichen Ladepunkten bis 2020 vor.

Umweltministerium, Verkehrsministerium und Automobilbranche kommen dieser Forderung nach, indem sie im Rahmen des E-Mobilitätspaketes öffentlich zugängliche Ladestationen mit bis zu 10.000 € fördern. Im privaten Bereich wird die Anschaffung einer „Wallbox“-Ladestation oder eines Ladekabels mit bis zu 200 € unterstützt. Mittlerweile gibt es rund 2.400 öffentlich zugängliche Ladestationen in Österreich, wobei genaue Angaben aufgrund des Fehlens eines offiziellen österreichischen Registers für Ladestationen schwierig sind.

Vorschriften für Bauträger
Für den Einbau solcher Ladestationen stellen Baurecht und Bautechnikverordnungen Bedingungen. Abhängig von der Gesetzeslage im jeweiligen Bundesland haben Bauträger_innen unterschiedliche Aufgaben, wie die Errichtung von Entlüftungsanlagen. Derzeit werden Leerverrohrungen schon standardmäßig eingebaut, um später Ladestationen nachrüsten zu können.

Dabei müssen auch zusätzliche Räumlichkeiten für Transformatoren und Zähler vorgesehen werden. Um E-Mobilität weiter voranzutreiben, sind bauliche Standards notwendig. Denn: Personen, die daheim keine Möglichkeit zum Laden eines E-Autos haben, werden sich ein solches erst recht nicht kaufen.

Finanzielle Hürden
Die große Herausforderung besteht bei der Errichtung von lokalen Mobilitätsangeboten darin, ökonomisch tragfähige Lösungen zu finden: „Laut Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz können die Kosten nicht vom Bauträger selbst getragen werden, das heißt, wir sind auf externe Partner angewiesen“, so Girardi-Hoog.

Paradox ist, dass eine leerstehende Garage sehr wohl über den Mietpreis auf die Mieter abgewälzt wird. Dabei beträgt der Anteil einer Tiefgarage an den Gesamtkosten für eine durchschnittliche Wohnung laut VCÖ etwa 11 %. Schon bei der Errichtung könnten im Wohnbau rund 15.000 € pro Tiefgaragenplatz eingespart werden. Gewährleistet werden muss daher eine nutzerscharfe Abrechnung.

Sprung ins Unbekannte
Soll auf dem eigenen, öffentlich zugänglichen Grundstück eine Ladesäule entstehen, muss die Aufstellung mit den notwendigen Genehmigungsbehörden abgestimmt werden. Meist erfolgt die rechtliche Klärung über ein Baugenehmigungsverfahren. Eine Lockerung der Stellplatzverpflichtung hat das Potenzial, die Finanzierung von Mobilitätskonzepten zu erleichtern.

Mobilität als Service muss intelligent gestaltet und die Rolle der öffentlichen Hand klar definiert werden. Da es bisher noch wenig Erfahrung mit Finanzierungsmodellen von Sharing-Plattformen im sozialen Wohnbau gibt, wagt man zurzeit noch einen Sprung ins Unbekannte. (cms)

Kommentar schreiben

Wir verwenden Cookies, um unsere Webseite benutzerfreundlicher zu gestalten. Wenn Sie diese Webseite nutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies.